England wird die EU verlassen. Nach dieser Meldung sind wohl nicht nur 48% der Briten zum Frühstück die Scones in den Breakfast Tea gefallen, auch der Rest der europäischen Union war schockiert und versuchte die Gründe für die Entscheidung nachzuvollziehen. Relativ schnell schienen sich dabei die Meinungsführer in den sozialen Netzwerken und Online-Medien einig zu sein: Die Briten haben sich erst nach der Abstimmung über die realen Folgen des Austritts informiert. Entstanden ist diese Vermutung unter anderem durch einen Tweet von Google, der nach Schließung der Wahllokale einen massiven Anstieg der Suchanfragen bezüglich der Folgen des EU-Austritts offenbarte.

https://twitter.com/GoogleTrends/status/746137920940056578?ref_src=twsrc%5Etfw

Doch müssen sich die Briten neben ihrer Vorliebe für Pfefferminzsoße und der Veranlagung von sofortigem Sonnenbrand auch noch politisches Desinteresse und mangelnde Weitsichtigkeit als Vorurteil gefallen lassen? Wir haben uns die Daten einmal angeschaut.

Daten, Themen, Keywords – wie man Google Trends richtig interpretiert

Schnelle Analysen, einfache Grafiken und immer aktuell: das versprechen Google Trend Analysen. So kann sich jedermann in Echtzeit informieren, was die Welt bewegt. Gefiltert nach Land, Suchbegriffen und Zeiträumen greift auch gerne so mancher Journalist zu diesem Online-Tool, um Berichte mit Daten zu belegen und Trends zu prognostizieren. Doch so selbsterklärend Google Trends auch sein mag, so vorsichtig sollte auch mit den gewonnenen Erkenntnissen umgegangen werden. Denn zwischen Graphen und Keywords fehlt meistens vor allem eines: Kontext. Daher gibt es von uns zum Thema Brexit die wichtigsten Infos, um Google Trends richtig zu interpretieren.

Daten:  Google Trends bietet nur absolute Daten. Das Suchinteresse wird also relativ zum Höchstwert dargestellt. Aus der Google Trend-Aussage, dass über 250% mehr Suchanfragen zu den Folgen des Brexits gestellt wurden, lässt sich also nicht lesen, wie viele Anfragen wirklich gestellt wurden. Tatsächlich handelte es sich um rund 1000 Anfragen. Im Vergleich zu den rund 46,5 Millionen wahlberechtigten Britten ein verschwindend geringer Anteil, um von den Ergebnissen auf alle Einwohner Großbritanniens zu schlussfolgern. Auch wer nach den Folgen des Austritts gegoogelt hat und ob die Person überhaupt wahlberechtig war, ist unklar. Zudem wird auch nicht erfasst, ob eine Person mehrmals denselben Suchauftrag gesendet hat.

Thema: Sinnvolle Stimmungsbilder durch Google Trends lassen sich vor allem bei Themen mit einer hohen Online-Affinität abzeichnen. Bei Themen wie dem Brexit, die von allgemeinem Interesse sind, wird jedoch die Meinung derjenigen vernachlässigt, die sich nicht über Online-Medien informieren. Eingefangen werden kann also höchstens das Stimmungsbild der aktiven Online-Nutzer. Das ist natürlich nicht repräsentativ für die wahlberechtigte Bevölkerung Großbritanniens und die Daten können dadurch stark von der Wirklichkeit abweichen.

Keyword-Planner: Als Stütze zur Interpretation sollte man den Keyword-Planner zurate ziehen. Hier werden die Suchanfragen monatlich summiert. Sucht man hier nach der Frage „What happens if we leave the EU?“ fällt einem sofort das angestiegene Suchvolumen im Februar auf. Die Briten informierten sich also nicht erst nach der Wahl über die Folgen des Brexit, sondern schon direkt nach Verkündung des Referendums im Februar.

blog_screen_SEA

Brexit, Fußball und die Queen – was die Briten noch so googeln

Ob man nun die Entscheidung der Briten befürwortet oder nicht – Die Vermutung, dass das Ergebnis durch mangelndes Wissen und Desinteresse entstanden ist, lässt sich anhand von Google Trends alleine nicht bestätigen, da die Daten stets im Zusammenhang mit den Umständen und anderen Bezugsgrößen betrachtet werden sollten.

Einen Anstieg der Suchanfragen zum Thema EU-Austritt gab es daher schon, auch das Interesse an Irischen Pässen und dem Ankauf von Gold stieg nach der Entscheidung an. Setzt man die Ergebnisse jedoch in Vergleich mit den Suchanfragen zur Fußball-EM, wie „Euro 16“ oder dem „Dauerbrenner“-Keyword „Queen“, wird schnell klar, dass aktuelle politische Entscheidungen im Vergleich zu anderen Themen bei der Google-Suche wohl doch nur eine untergeordnete Rolle spielen.

https://www.google.at/trends/explore#q=irish%20passport%2C%20what%20happens%20if%20we%20leave%20the%20eu%2C%20buying%20gold&geo=GB&date=today%201-m&cmpt=q&tz=Etc%2FGMT-2

https://www.google.at/trends/explore#q=irish%20passport%2C%20what%20happens%20if%20we%20leave%20the%20eu%2C%20buying%20gold%2C%20queen%2C%20euro%202016&geo=GB&date=today%201-m&cmpt=q&tz=Etc%2FGMT-2